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Charlotte Kestner quartiert sich mit Tochter und Zofe im Hotel "Zum Elephanten" ein, und ihr Ruf, die Inspiration für "Die Leiden des jungern Werther", den vielleicht erfolgreichsten Roman der Epoche gewesen zu sein, eilt ihr voraus.
Schon das Personal spricht sie langatmig über Goethe an, und dann geben sich Besucher und Besucherinnen in aufsteigender Bedeutung die Klinke in die Hand und können gar nicht aufhören, sich monologisch über Goethe in tausenderlei Bezügen auszusprechen. Zuerst wird sie von einer irischen Malerin besucht, die sich auf Skizzen von Berühmtheiten spezialisiert hat. Anschließend ersucht Herr Dr. Riemer, ehemaliger Sekretär Goethes und Privatlehrer von dessen Sohn August von Goethe, um ein Gespräch. Sodann besucht Adele Schopenhauer sie, dem Hause Goethes vielfach nahe stehend. Darauf folgt der Besuch Augusts von Goethe selbst. Aller ihrer Leben hat Goethe tief beeinflusst und das nicht immer beglückend - was ja auch für Lotte selber gilt.
Formal sehr elegant, wird der 67-jährige Goethe zunächst nur im Goethebild seiner Umgebung widergespiegelt. Spät erst im Roman wechselt - mit einem inneren Monolog Goethes selber (also mit einem aberwitzig ehrgeizigen schriftstellerischen Vorhaben!) - die Szene zu ihm. Er beschließt (die ganze Stadt ist zu seinem Ärger voll von ihrer Gegenwart), sie samt begleitender Tochter in größerem Kreis einzuladen. Es geschieht, dieses gesellige Beisammensein wird nunmehr einfach erzählt, und beklemmend wird dabei klar, wie ein großer Künstler auf seiner Umgebung lasten kann, so anregungsreich und fruchtbar er ist und so amiabel wenngleich anstrengend alles verläuft. Unter vier Augen - was doch ihr mit gemischten Gefühlen angestrebtes Vorhaben gewesen war - trifft sie ihn nicht. Für den Abend ist ein Theaterbesuch Lottes mit Goethe geplant, zu dem er jedoch nicht erscheint und sie nur hinterher von seiner Kutsche abholen lässt. Darin findet nun ein imaginiärer (oder doch realer?) Dialog statt. Der Roman endet wo er begonnen hat: im Hotel zum Elephanten.
Das Wagnis, den ganzen weltberühmten Weimarer Kreis zu rekapitulieren, dazu Goethes Leben, sein Verhältnis zu Schiller, die Freiheitskriege, viele seiner Werke und Vorhaben u.a.m., ist dem Autor dank umfassender Vorstudien und in zumeist leichtestem Parlando subtil und fulminant gelungen. Es ist dies für einen Leser eine der besten Einführungen in dieses Zentrum der deutschen Geistesgeschichte - durch die Brille Thomas Manns gesehen, eines Jahrganges 1875, also eines um 126 Jahre Jüngeren, aber eines Schriftstellers mit den Erfahrungen des eigenen künstlerischen Welterfolges.
Charlotte Kestners Familienbesuch in Weimar, 44 Jahre nach dem Erscheinen des Werther, ist historisch das einzig Verbürgte. Ob sie dies alles oder Etliches davon erlebt hat, wie im Buch beschrieben, ist jedoch nicht überliefert.
Thomas Mann veröffentlichte den Roman 1939 im Exil, auch als Hommage an sein Vorbild Goethe in einem fern gerückten und nah gebrachten Deutschland.
In Egon Günthers filmischer Adaptation des Mannschen Goethe-Romans bleibt der Dichter über lange Zeit ein Phantom. Oberhofrätin Charlotte Kästner, geb. Buff, wird verkörpert von Lilli Palmer, die der hervorragenden Besetzung mit Rolf Ludwig, Jutta Hoffmann, Katharina Thalbach und Martin Hellberg ein besonderes Glanzlicht verleiht. Die nicht mehr ganz junge, international gefeierte Mimin spielt sich selbst und Lotte als sie nicht ohne Wehmut und mit viel Altersweisheit, einem letzten Dialog mit dem Dichter - Phantasie oder tatsächlich - in dessen Kutsche hat. Zu bereuen und verzeihen gibt es nichts, Einsichten aber sind erwachsen aus dem Geflecht von Vergangenheit, Dichtung und Gegenwart: "Es ist etwas Fürchterliches um die Verkümmerung, das sage ich Dir! Und wir Geringen müssen sie meiden und uns dagegen stemmen, aus allen Kräften. Wenn auch der Kopf wackelt, vor lauter Anstrengung. - Bei Dir, da war es was anderes - Dein Wirkliches, das sieht nach was aus. Nicht nach Verzicht und Untreue, sondern nach lauter Erfüllung und höchster Treue!" Quelle: Wikipedia
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